Stilvolle Melancholie über dem Elbtal:

Hurts verwandeln die Festung Königstein in eine barocke Synth-Pop-Kathedrale

Manche Konzertorte verlangen den Künstlern alles ab, weil ihre eigene Historie und Monumentalität die Musik zu erdrücken drohen. Und dann gibt es Begegnungen, bei denen Location und Sound zu einer perfekten Symbiose verschmelzen. Wenn das britische Synth-Pop-Phänomen Hurts auf die Festung Königstein lädt, ist das kein gewöhnliches Open-Air-Konzert. Es ist eine perfekt inszenierte Messe der eleganten Melancholie.

Bereits im Sommer 2023 stand das Duo hier oben auf dem Felsplateau über der Elbe. Damals noch im gewohnten Doppelpack: Frontmann Theo Hutchcraft und Multiinstrumentalist Adam Anderson zelebrierten ihre düster-schönen Hymnen Seite an Seite. Doch die Zeiten haben sich geändert. Wie schon auf der gefeierten Jubiläumstournee muss das Publikum auch an diesem Abend auf Adam Anderson verzichten, der sich aus gesundheitlichen Gründen eine wohlverdiente Auszeit von den kräftezehrenden Tourneen nimmt.

Wer jedoch befürchtet hatte, dass Hurts ohne das vertraute Bild an den Tasten an Strahlkraft verlieren würde, wurde bereits in den ersten Sekunden eines Besseren belehrt.  Theo Hutchcraft betritt die Bühne nicht als einsamer Solist, sondern als Kopf eines opulenten, hochkarätigen Ensembles.  Flankiert von kraftvollen Background-Sängerinnen und der gewöhnt perfekt eingespielten Live-Band transformiert er das Projekt in ein wuchtiges Live-Erlebnis. Der Einstieg ist ein klares Statement:  Mit den treibenden Rhythmen von Silver Lining und dem euphorischen Some Kind Of Heaven zieht Hutchcraft das Publikum sofort in seinen Bann. Gekleidet in gewohnt maßgeschneiderter Eleganz, beherrscht er die Bühne mit einer theatralischen Lässigkeit, die an die großen Wave-Ikonen der 80er-Jahre erinnert. Seine Stimme – ein makelloses, emotionales Instrument – schneidet glasklar durch die milde Luft über dem Felsplateau.  Das Besondere: Noch im hellen Tageslicht entfaltet die historische Kulisse der Festung im Zusammenspiel mit dem cleanen, modernen Look der Band einen ganz eigenen, fast surrealen Modegrafik-Charme.

Die Dramaturgie des Abends lässt keine Wünsche offen. Die Setlist wie eine perfekt kuratierte Werkschau aus über 15 Jahren Bandgeschichte. Nach tanzbaren Meilensteinen wie Ready To Go und Miracle bricht das Set mit der düsteren Intensität von Rolling Stone /Road. Es sind Momente wie diese, in denen die alte, minimalistische Manchester-Melancholie der Band spürbar wird. Ein absolutes Highlight der Interaktion entfaltet sich beim hypnotischen Sandman: Wie von Geisterhand dirigiert Theo Hutchcraft die Menge, und tausende wedelnde Arme bewegen sich im perfekten, synchronen Rhythmus der Musik – ein beeindruckendes visuelles Bild vor den geschichtsträchtigen Mauern. Gefolgt von Blood, Tears & Gold und Evelyn treibt die Band das Set unaufhaltsam voran. Es ist eine Show des gegenseitigen Gebens und Nehmens: Immer wieder sucht Hutchcraft die Nähe zu den Menschen vor der Bühne und wirft während des gesamten Konzerts weiße Rosen – das traditionelle Markenzeichen der Band – hinein ins begeisterte Publikum. Als schließlich die ikonische Synthie-Linie von Wonderful Life einsetzt, erreicht die visuelle Dynamik ihren Zenit: Initiiert durch eine perfekt koordinierte Fanaktion wirbelt ein Meer aus schwarzen und weißen Luftballons durch die Zuschauer, die von den Fans enthusiastisch durch das gesamte Publikum geworfen werden und die bittersüße Hymne bildgewaltig untermalen. Mit den energetischen Club-Hymnen Sunday und Better Than Love verwandelt sich das Plateau endgültig in einen stilvollen Dancefloor unter freiem Himmel.

Nach dem epischen Wings verlässt die Band unter donnerndem Applaus die Bühne, nur um für einen dreiteiligen Zugabenblock zurückzukehren. Das monumentale Mashup aus Nothing Will Be Bigger / Under Control peitscht die Energie noch einmal auf den absoluten Scheitelpunkt, bevor der unsterbliche Klassiker Stay den Abend beschließt. Ein Song wie ein Flehen, der in der majestätischen Kulisse Königsteins noch lange nachhallt.

Auch ohne Adam an den Keyboards bleibt die Band eine visuelle und akustische Naturgewalt. Und dennoch: So meisterhaft Theo Hutchcraft die Festung Königstein auch bespielen und sich zu eigen machen mag – Adam Anderson wurde an diesem Abend von den Fans schmerzlich vermisst. Seine ruhige, präsente Art an den Tasten ist ein fundamentaler Teil des Hurts-Universums, und die treue Community wartet sehnsüchtig auf den Tag, an dem er ganz in seinem eigenen Tempo wieder an Theos Seite auf die Bühne zurückkehrt.

Bis dahin bleibt ein Abend voller Eleganz, Nostalgie und zeitloser Pop-Poesie, der noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Wer das monumentale Open-Air-Erlebnis in Deutschland verpasst hat, hat in den kommenden Wochen und Monaten auf den europäischen Festivalbühnen und in ausgewählten Hallen die Gelegenheit, Hurts live zu erleben. Die Tour führt das Ensemble quer durch Europa:

07.07. – Valley of Songs, Kaunas City (Litauen)

 08.07. – Haven Kakumäe, Tallinn (Estland)

 10.07. – Progresja Summer Stage, Warschau (Polen)

 12.07. – Moon and Stars Festival, Locarno (Schweiz)

 25.07. – Toyla Music Festival, Almaty (Kasachstan)

 03.09. – Lucerna Great Hall, Prag (Tschechien)

 05.09. – Always Forever Festival, Bukarest (Rumänien)

Tickets und weitere Informationen gibt es unter informationhurts.com

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